Demographische Entwicklung im ländlichen Raum in Burkina Faso: Stand, Konsequenzen, Ansätze und Perspektiven

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OTT, Thomas / SCHARLOWSKI, Boris (2012): Demographische Entwicklung im ländlichen Raum in Burkina Faso: Stand, Konsequenzen, Ansätze und Perspektiven, Bonn / Eschborn: Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ)

Kurzfassung

Ausgehend von der Erkenntnis, dass die Produktivitätsfortschritte der Landwirtschaft nicht mit dem rapiden Bevölkerungswachstum Burkina Fasos mithalten können, befasst sich die vorliegende, im Auftrag des GIZ Programmes « Développement de l’Agriculture » (PDA) erstellte Studie, mit der Frage, über welche Einflussmöglichkeiten der Landwirtschaftssektor im Hinblick auf die demographische Entwicklung verfügt und welche Unterstützung durch die technische Zusammenarbeit erfolgen könnte. Die Studie basiert auf einer intensiven Recherche der vorliegenden Dokumente sowie auf einer einwöchigen Fact-Finding Mission in deren Verlauf teilstrukturierte Interviews mit Mitgliedern von Regierung und Verwaltung, Repräsentanten internationaler staatlicher und nicht-staatlicher Organisation sowie Vertretern der Zivilgesellschaft geführt wurden. Die gewonnenen Erkenntnisse wurden in Workshops mit Mitarbeitern EZ-Projekte PDA und PROSAD vertieft.

Die Landwirtschaft ist der wichtigste Wirtschaftssektor Burkina Fasos. Achtzig Prozent der Menschen leben von der Landwirtschaft, meist in Form der Subsistenzwirtschaft. Trotz steigender Produktivität gelingt es derzeit nicht, die Bevölkerung im Land zu ernähren. Die Probleme der Landwirtschaft in Burkina Faso sind vielfältig. Sie ist sehr anfällig für externe „Schocks“, beispielsweise im Hinblick auf das Klima oder Preisschwankungen auf dem Weltmarkt. Die Subsistenzwirtschaft ist durch hohen Arbeitseinsatz sowie den Mangel an Wissen und Kapital geprägt. Der Zugang zum Weltmarkt wird durch die Binnenlage des Landes stark beeinträchtigt. Die mangelnde Verkehrs- und Kommunikationsinfrastruktur verhindert die Herausbildung eines nennenswerten nationalen Agrarmarktes.

Burkina Faso zählt zu den ärmsten Ländern der Welt und nimmt laut Human Development Index (2011) Rang 181 von 187 aufgeführten Ländern ein. 2011 lebten in Burkina Faso rund 16 Millionen Menschen, das Bevölkerungswachstum liegt bei jährlich knapp über 3 Prozent. Es wird eine weitere Verdopplung der Bevölkerung in den nächsten 25 Jahren prognostiziert. Der Zensus 2006 ermittelte einen landesweiten Durchschnitt von 6,2 Kindern pro Frau (TFR). Es zeigen sich jedoch auffällige Gegensätze zwischen Stadt und Land: während die durchschnittliche Zahl der Kinder pro Frau im ländlichen Raum bei 6,8 liegt, beträgt die TFR „nur“ 4,6 für die in Städten lebenden Frauen. Weitere Unterschiede ergeben sich in Abhängigkeit von Familienstand und Armut sowie insbesondere im Hinblick auf den Schulbesuch. Frauen ohne Schulbildung weisen mit einer TFR von 6,5 signifikant höhere Werte auf, als Frauen mit Grundschulbildung (4,9), Frauen, die eine weiterführende Schule (3,4) besucht haben oder Frauen mit höherer Bildung (2,4).

Fortschritte beim Aufbau der Gesundheits- und Trinkwasserversorgung sowie eine Verbesserung der Nahrungssituation führten zu einem deutlichen Rückgang der Mortalität und einem Anstieg der Lebenserwartung. Dennoch weist Burkina Faso nach wie vor eine der höchsten Müttersterblichkeitsraten in ganz Afrika auf, was auf das niedrige Niveau der sozioökonomischen Entwicklung des Landes und das hohe Fertilitätsniveau zurückzuführen ist. Das Wanderungsgeschehen ist einerseits durch die (temporäre) Migration in die Nachbarländer (insbesondere Côte d’Ivoire) und andererseits durch eine anhaltende Landflucht gekennzeichnet. Aufgrund der sehr viel höheren Fertilität im ländlichen Raum wächst die ländliche Bevölkerung derzeit noch schneller als die Stadtbevölkerung.

Die demographische Dynamik zwischen 1950 und 2010 schlägt sich deutlich in der Bevölkerungspyramide nieder. Durch den Rückgang der Mortalität und den Anstieg der Lebenserwartung ist sie in die Höhe gewachsen, die Menschen werden älter. Die hohe Fertilität schlägt sich in der extremen Verbreiterung der Pyramidenbasis und der explosionsartigen Zunahme der jungen Altersgruppe nieder. Im Zensus 2006 waren 48 % der Bevölkerung jünger als 15 Jahre. Legt man die Daten der UN zugrunde, wird sich die Bevölkerungszahl Burkina Fasos von etwa 16,5 Millionen Einwohnern 2010 auf etwa 46,7 Millionen 2050 steigern (mittleres Szenario). Im besten Fall (niedriges Szenario) steigt die Zahl auf etwa 41,8 Millionen Einwohner. Der obere Rand des Entwicklungskorridors liegt bei 51, 8 Millionen Einwohnern. Bliebe die Fertilität auf heutigem Niveau wären gar 61,3 Millionen Einwohner zu erwarten. In der Zusammenschau der Entwicklung von Geburten- und Sterberate wird deutlich, dass im wahrscheinlichsten Fall (mittleres Szenario) erst nach 2100 mit einem Abschluss der demographischen Transition zu rechnen ist. Das Land muss bestrebt sein, diesen Zeitpunkt so weit wie möglich in Richtung Gegenwart zu verschieben.

Auf nationaler Ebene begegnet die Regierung der demographischen Herausforderung mit einer dezidierten „Politique Nationale de Population“. Mit der Erarbeitung und Umsetzung dieser Politik ist der Conseil National de Population (CONAPO) beauftragt. Auch wenn die Arbeit des CONAPO insgesamt positiv zu würdigen ist, bestehen Defizite bei der Umsetzung der bevölkerungspolitischen Ziele in konkrete Projekte in den Regionen und Kommunen des Landes. Als Pluspunkt ist daneben die Arbeit des Institut National de la Statistique et de la Démographie (INSD) zu bewerten, welches für die Durchführung und Analyse der Volkszählungen verantwortlich zeichnet.

Die Studie zeigt interessante und wirkungsvolle Ansätze von internationalen, bilateralen und Nichtregierungsorganisationen auf. Dabei wird deutlich, dass das komplexe Thema Bevölkerungsdynamik nur gemeinsam angegangen werden kann in einer gezielten Zusammenarbeit unter Nutzung bestehender und Schaffung neuer Synergien. Gleiches gilt für die EZ-Vorhaben, die im Auftrag des BMZ durchgeführt werden. Alle Vorhaben weisen deutliche demographische Bezüge auf. Eine verstärkte Zusammenarbeit, mit Fokus auf demographische Herausforderungen und Chancen könnten sicher einen sichtbaren Mehrwert zur sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung des Landes leisten.

Ausführlich behandelt der Bericht das Thema Empfehlungen in Bezug auf Bevölkerungsentwicklung, ländlicher Raum und generell in Bezug auf das Thema Demographie. Die hier aufgenommenen Vorschläge verstehen sich im Sinne eines möglichen Maßnahmenkatalogs und könnten auf Nachfrage weiter vertieft werden. Die Vorschläge wenden sich an die TZ/EZProgramme, Partnerorganisationen und politisches Umfeld. Sie beziehen sich im Wesentlichen auf die laufenden bilateralen EZ-Vorhaben, wollen aber auch zukünftige Projekte bzw. Komponenten anregen, wie etwa ein eigenständiges demographie-bezogenes Politikberatungsvorhaben.

Die Vorschläge sind unterteilt nach den drei Ebenen national, regional und lokal. Sie reichen von der Sensibilisierung und dem Training von Entscheidungsträgern und Multiplikatoren, Anpassung der nationalen Bevölkerungspolitik, Stärkung interministerieller Koordination bis hin zur Entwicklung regionaler Demographiepläne sowie innovativer Maßnahmen auf lokaler und Gemeindeebene. Zu letzteren gehören vor allem die Durchführung lokaler Aufklärungskampagnen sowie Diskussions- und Lernforen inklusive Generationendialogen. Wichtig ist die Etablierung von effektiven Monitoringsystemen, damit die Integration einer demographischen Perspektive auch nachhaltig ist.

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