Schlagwortarchiv für: Europa

Vortrag im Rahmen der Initiative „Doch Europa!“, Volkshochschule Weinheim, 25. Januar 2024, Weinheim

Kurzfassung

Während sich Europa im Westen, Norden und Süden relativ eindeutig abgrenzen lässt, haben sich Geographen und Historiker über Jahrhunderte an einer Definition der europäischen Ostgrenze versucht. Ausgehend von einer allgemeinen Betrachtung des Grenzbegriffes, gibt der Vortrag einen Überblick über diese Grenzziehungen und die jeweils zugrundeliegenden Überlegungen.
Auch in engerer Perspektive auf die Europäische Union stellen sich vielfältige Fragen nach den Grenzen: Welche Staaten können oder sollten noch aufgenommen werden? Welche Auswirkungen hat die fortschreitende politische und ökonomische Integration auf die Binnengrenzen bzw. deren Überwindung? Ist die Abschottung der Außengrenzen (“Festung Europa”) der Preis für die Freizügigkeit im Schengen-Raum?

Vortragsfolien

Literatur

  • FASSMANN, H. (2002): Wo endet Europa? Anmerkungen zur Territorialität Europas und der EU. Mitteilungen der Österreichischen Geographischen Gesellschaft 144, 27-36
  • FRANK, F. (1991): Grenzen Europas. Ein Versuch, Europa zu definieren. In: geographie heute 12 (89), 4-7
  • GEBHARDT, Hans / GLASER, Rüdiger / LENTZ, Sebastian (Hg.) (2013): Europa – eine Geographie. Berlin, Heidelberg: Springer
  • GEIGER, M. (1997): Europas Grenzen – grenzenloses Europa. Praxis Geographie 27 (10), 4-11
  • SCHULTZ, Hans-Dietrich (2003): Welches Europa soll es denn sein? Anregungen für den Geographieunterricht. Internationale Schulbuchforschung 25 (3), 223-256

 

Kurzbeschreibung

Zwischen 1999 und 2007 haben mehr als 600 Geographen, Wissenschaftler anderer Disziplinen und Kartographen unter der Regie des Leibniz-Instituts für Länderkunde das erste umfassende Portrait des vereinigten Deutschlands erstellt. Das Atlaswerk ist in zwölf gedruckten Bänden von insgesamt mehr als 2000 Seiten und in einer digitalen Version auf CD-ROM erschienen.

Als Ergänzung zu den deutschlandbezogenen Karten des Atlasbandes “Bevölkerung” konzipierte ich eine Serie von Karten, die für ausgewählte Problemkreise die Perspektive auf den europäischen Kontext ausdehnt:

Eine zweite Kartenfolge wurde für den Band “Leben in Deutschland” zu familienbezogenen Themen erstellt:

  • OTT, Thomas / SCHMITZ-VELTIN, Ansgar / WEST Christina (2006): Kinderwunsch – immer später und oft unerfüllt. In: Leibniz-Institut für Länderkunde (Hg.): Nationalatlas Bundesrepublik Deutschland, Bd. 12: Leben in Deutschland, Heidelberg / Berlin: Spektrum, 48-49
  • OTT, Thomas / SCHMITZ-VELTIN, Ansgar / WEST Christina (2006): Kind sein in der Konsumgesellschaft. In: Leibniz-Institut für Länderkunde (Hg.): Nationalatlas Bundesrepublik Deutschland, Bd. 12: Leben in Deutschland, Heidelberg / Berlin: Spektrum, 50-51

Projektbeschreibung

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Projektveröffentlichungen

Vortrag im Rahmen der Initiative „Doch Europa!“, Volkshochschule Weinheim, 19. Februar 2019, Weinheim

Kurzfassung

Das „Europa der Regionen“ ist die Bezeichnung für ein föderalistisches politisches Konzept, das die Bedeutung der Regionen innerhalb der EU-Mitgliedsländer in ihrer mentalitätsprägenden und identitätsstiftenden Rolle betont. Diese Perspektive lässt sich als Gegenentwurf zum „Europa der Vaterländer“ verstehen: die Nationalstaaten sind zur Lösung der großen Probleme zu klein und zur Lösung der kleinen Probleme zu groß. Eine dezidierte Regionalpolitik war seit Gründung der EWG ein Grundpfeiler der europäischen Einigung. Sie verfolgt das Ziel, den wirtschaftlichen und sozialen Zusammenhalt innerhalb der EU zu stärken und das Strukturgefälle zwischen den einzelnen Regionen zu verringern. Der Vortrag gibt einen Überblick über die regionalen Entwicklungsunterschiede in den Ländern der EU und stellt die regionalpolitischen Instrumente, die sich auch in unserer wirtschaftlich starken Region finanziell niederschlagen, vor. Über die Verknüpfung mit Wahl- und Abstimmungsergebnissen (z.B. Brexit-Referendum, norwegische EU-Beitrittsreferenden) ergeben sich Interpretationsansätze, die mögliche Entwicklungspfade der europäischen Integration aufzeigen.

Vortragsfolien

Weiterführende Links

Literatur

  • Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung (2017): Europas demografische Zukunft. Wie sich die Regionen nach einem Jahrzehnt der Krisen entwickeln, Berlin [https://www.berlin-institut.org/fileadmin/user_upload/Europas_demografische_Zukunft_2017/Europa_online.pdf]
  • BLOTEVOGEL, Hans Heinrich (Hg.) (1991): Europäische Regionen im Wandel. Strukturelle Erneuerung, Raumordnung und Regionalpolitik im Europa der Regionen. Duisburger Geographische Arbeiten 9, Dortmund
  • BRUNET, Roger (1989): Les Villes Européennes. Rapport pour la DATAR, Paris/Montpellier
  • COLE, John / COLE, Francis (1997): A geography of the European Union, London
  • CPMR (2018): Initial views on the post-2020 Cohesion Policy package, Rennes/Bruxelles [https://cpmr.org/wpdm-package/initial-views-from-the-cpmr-on-the-post-2020-cohesion-policy-package/?wpdmdl=17832&refresh=5c4dd22a1bf691548603946&ind=1528376050497]
  • Europäische Kommission, Generaldirektion Regionalpolitik und Kohäsion (1996): Erster Bericht über den wirtschaftlichen und sozialen Zusammenhalt 1996, Brüssel.
  • Europäische Kommission (1999a): Sechster Periodischer Bericht über die soziale und ökonomische Lage und Entwicklung der Regionen / Sixième rapport périodique sur la situation et l’évolution socio-économique des régions de l’Union européenne, Luxemburg [http://europa.eu.int/comm/regional_policy/sources/docoffic/official/reports/toc_de.htm bzw. toc_fr.htm]
  • Europäische Kommission (1999b): European Spatial Development Perspective – Towards Balanced and Sustainable Development of the Territory of the European Union, Luxemburg
  • Europäische Kommission (2001): Einheit Europas, Solidarität der Völker, Vielfalt der Regionen – Zweiter Bericht über den wirtschaftlichen und sozialen Zusammenhalt / Unité de l’Europe, solidarité des peuples, diversité des territoires – Deuxième rapport sur la cohésion économique et sociale, Luxemburg [http://europa.eu.int/comm/regional_policy/sources/docoffic/official/reports/
    contentpdf_de.htm bzw. contentpdf_fr.htm]
  • Europäische Kommission (2002): Erster Zwischenbericht über den wirtschaftlichen und sozialen Zusammenhalt / 1er rapport d’étape sur la cohésion, Luxemburg [http://europa.eu.int/comm/regional_policy/sources/docoffic/official/reports/interim1_de.htm bzw. interim1_fr.htm]
  • Europäische Kommission, Generaldirektion Energie und Verkehr (2005): Transeuropäisches Verkehrsnetz, TEN-V – vorrangige Achsen und Projekte 2005, Luxemburg [http://ec.europa.eu/ten/transport/projects/doc/2005_ten_t_de.pdf]
  • Europäische Kommission (2017): Meine Region, mein Europa, unsere Zukunft: Siebter Bericht über den wirtschaftlichen, sozialen und territorialen Zusammenhalt, Luxemburg [https://ec.europa.eu/regional_policy/de/information/publications/communications/2017/my-region-my-europe-our-future-the-seventh-report-on-economic-social-and-territorial-cohesion]
  • Europäische Union, Ausschuss der Regionen (2000): Ein Europa der Regionen und Städte. Strategien und Perspektiven für die EU-Erweiterung, Brüssel [https://publications.europa.eu/en/publication-detail/-/publication/241fd5bf-bc0c-4471-bbb3-9aee906fb5f3/language-de/format-PDF/source-86057077]
  • Europäische Union, Ausschuss der Regionen (2000): Ein Europa der Regionen und Städte. Strategien und Perspektiven für die EU-Erweiterung, Teil II: Bulgarien, Lettland, Litauen, Malta, Rumänien, Slowakei und Türkei, Brüssel [https://publications.europa.eu/en/publication-detail/-/publication/2314a969-fccd-47de-adda-455ba5400583/language-de/format-PDF/source-86057068]
  • EUROSTAT, Statistisches Amt der Europäischen Gemeinschaften (2018): Regionen: Statistisches Jahrbuch 2018, Luxemburg [https://ec.europa.eu/eurostat/web/products-statistical-books/-/KS-HA-18-001]
  • FOURASTIÉ, Jean (1954): Die große Hoffnung des 20. Jahrhunderts, Köln (“Le grand espoir du XXême siècle”. Paris, 1952)
  • GANS, Paul (1992): Regionale Disparitäten in der EG. Geographische Rundschau 44 (12), 691-698
  • GEBHARDT, Hans / GLASER, Rüdiger / LENTZ, Sebastian (Hg.) (2013): Europa – eine Geographie. Berlin, Heidelberg: Springer
  • HILPOLD, Peter / STEINMAIR, Walter / PERATHONER, Christoph (Hg.) (2016): Europa der Regionen. Berlin, Heidelberg: Springer
  • OTT, Thomas (1993): GIS in der Anthropogeographie. Regionale Disparitäten und Städtesystem in Europa. Materialien zur Geographie 22, Mannheim: Geographisches Institut
  • OTT, Thomas (1995): Die Stellung der norwegischen Provinzen in einem Europa der Regionen. Petermanns Geographische Mitteilungen 139 (1), 15-30
  • OTT, Thomas (2003): Das Europa der Regionen. Deuframat – Deutschland und Frankreich auf dem Weg in ein neues Europa – Materialien für den Geschichts- und Geographieunterricht, Braunschweig/Marburg: Georg-Eckert-Institut für internationale Schulbuchforschung
  • RITTER, Wigand / RUPPERT, Rasso (1996): Wirtschaftsgeographie der Europäischen Union, Nürnberg
  • SCHÄTZL, Ludwig (Hg.) (1993): Wirtschaftsgeographie der Europäischen Gemeinschaft, Paderborn

 

Zweitagesausflug Ende April 2018 in die Hohe Tatra nach Štrbské Pleso, Starý Smokovec und Tatranská Lomnica.

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Aus Anlass des ersten Champions League Spiels der TSG 1899 Hoffenheim konnte ich im September 2018 zu einem zweitägigen Kurzaufenthalt nach Charkiw in der Ostukraine reisen. In der zweitgrößten Stadt des Landes trägt der ukrainische Fußballmeister FK Schachtar Donezk kriegsbedingt seine Heimspiele aus.

Die Stadt

Charkiw ist nach Kiew mit rund 1,4 Millionen Einwohnern die zweitgrößte Stadt der Ukraine und mit 42 Universitäten und Hochschulen das bedeutendste Wissenschafts- und Bildungszentrum des Landes. Die Stadt liegt an der Mündung des Flusses Charkiw in den Lopan und des Lopan in den Udy im Nordosten der Ukraine. Sie ist ein Zentrum des Maschinen- und Schienenfahrzeugbaus sowie der Elektro-, Nahrungsmittel- und chemischen Industrie). Sie stellt mit zusammen zwölf Theatern und Museen ein kulturelles Zentrum dar und ist ein bedeutender Verkehrsknotenpunkt.

Der offizielle Name der Stadt ist Charkiw (ukrainisch Харків). Daneben ist in der in weiten Teilen russisch- oder zweisprachigen Bevölkerung Charkow (russisch Харьков) gebräuchlich. Während der Zugehörigkeit zur Sowjetunion wurde von deutschsprachigen Medien fast durchgängig die russische Namensvariante verwendet. Seit der Unabhängigkeit der Ukraine findet jedoch zunehmend die ukrainische Version des Namens Verwendung. Gelegentlich sind auch die Schreibweisen Kharkiv und Kharkov anzutreffen, welche auf der englischen Transkription des ukrainischen beziehungsweise russischen Namens basieren.

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Die Bevölkerung der Stadt besteht mehrheitlich aus Ukrainern und Russen neben kleineren Minderheiten, wie Armeniern, Aserbaidschanern, Weißrussen, Usbeken und Tataren. Charkiw gehört zum mehrheitlich russischsprachigen Teil der Ukraine. Nach einer offiziellen Statistik sprachen im Jahr 2001 etwa 66 % der Stadtbewohner zu Hause ausschließlich Russisch, hinzu kommen viele zweisprachige Haushalte. Inoffizielle Statistiken beziffern einen noch höheren Anteil an Russischsprachigen. 2012 wurde in der Region Charkiw Russisch als regionale Amtssprache anerkannt.

Die Stadt wurde ursprünglich als Festung zur Verteidigung der Südgrenzen des Zarenreiches bzw. zur Abwehr der Krimtataren im Jahr 1630 gegründet. Mit der Verschiebung der russischen Grenzen nach Süden verlor Charkiw Ende des 18. Jahrhunderts seine Bedeutung als Festung. Die Stadt wurde jedoch zu einem Zentrum von Handwerk und Handel, nachdem sie bereits 1765 zur Hauptstadt des “Gouvernement Charkow” im Zarenreich wurde. Mit dem Anschluss an das Eisenbahnnetz (1869) und dem Beginn der Gewinnung von Kohle und Eisenerz in der Ukraine entwickelte sich Charkiw Ende des 19. Jahrhunderts als Industriezentrum. Während des Bürgerkriegs 1917 bis 1920 kam es in der Stadt zu schweren Kämpfen. Im Januar 1918 tagte in Charkiw der erste ukrainische Sowjetkongress, der die Ukraine zur Sowjetrepublik ausrief und Charkiw zu ihrer ersten Hauptstadt erklärte, die sie bis 1934 blieb. Im Frühjahr 1933 war Charkiw besonders stark vom “Holodomor“, einer maßgeblich durch das stalinistische Regime verursachten Hungersnot, betroffen. In der Stadt verhungerten innerhalb weniger Monate über 45.000 Menschen.

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Im Zweiten Weltkrieg war Charkiw wegen der Funktion als Verkehrsknoten sowie der vorhandenen Rüstungsindustrie (Panzerbau) ein sehr wichtiges strategisches Ziel. Im Oktober 1941 nahmen Truppen der deutschen 6. Armee die damals viertgrößte Stadt der Sowjetunion kampflos ein. Nach den Erfahrungen während der Stalinschen Säuberungen begrüßten zahlreiche Einwohner der Stadt die einrückenden Einheiten der Wehrmacht mit Brot und Salz. Kurz danach aber begann der Terror an der Zivilbevölkerung: die meisten in der Stadt verbliebenen Juden wurden beim Massaker von Drobyzkyj Jar umgebracht; zahlreiche Bewohner von Charkiw wurden nach Deutschland als Zwangsarbeiter verschleppt. Im Mai 1942 scheiterte ein sowjetischer Befreiungsversuch (“Zweite Schlacht um Charkow”). Im Februar 1943 zog sich die Wehrmacht zurück, um einer Einkesselung zu entgehen. Im März 1943 fiel die Stadt nach schweren Gefechten wieder an die Deutschen, wobei große Teile der Stadt zerstört wurden. Nach der “Panzerschlacht um Kursk” wurde die Stadt am 23. August 1943 endgültig durch die Rote Armee eingenommen (“Vierte Schlacht um Charkow”). Insgesamt sind in der Oblast Charkiw ca. 270.000 Menschen der deutschen Besatzung zum Opfer gefallen.

Mit dem Wiederaufbau Charkiws wurden große Teile der Stadt im Stile des Sozialistischen Klassizismus neu gestaltet. Charkiw wuchs in der Nachkriegszeit schnell zur Millionenstadt. Seit 1991 gehört Charkiw zur unabhängigen Ukraine. Besonders in den ersten Jahren nach der Unabhängigkeit brach die Wirtschaft der Stadt ein, wie auch in den meisten anderen Regionen der ehemaligen Sowjetunion. Seit Ende der 1990er Jahre kehrte sich dieser Trend aber wieder um. Als erste Stadt der Ukraine wurde Charkiw 2010 mit dem Europapreis des Europarates für seine herausragenden Bemühungen um den europäischen Integrationsgedanken ausgezeichnet. Während der Fußball-Europameisterschaft 2012 in Polen und der Ukraine fanden in der Stadt insgesamt drei Vorrundenspiele statt, darunter die Begegnung Niederlande – Deutschland (1:2).

Tag 1

Nach einer schlaflosen Nacht am Flughafen ging es um 5:00 Uhr morgens mit Ukraine International Airlines von Frankfurt über Kiew nach Charkiw. Nach Sonnenaufgang boten sich bei bestem Wetter interessante Blicke auf die Agrarlandschaft sowie die Dörfer und Städte in Südpolen und der Ukraine.

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Da nach der Landung drei Stunden Zeit bis zum Hotel Check-In blieben, beschloss ich – gemeinsam mit einem mitreisenden Freund – nicht mit dem Taxi, sondern mit öffentlichen Verkehrsmitteln ins Stadtzentrum zu fahren. Da der Flughafen nicht über einen U-Bahn-Anschluss verfügt, galt es, die richtige Bushaltestelle und den richtigen Bus zu finden. Wir landeten gleich einen Treffer, die Linie 255 würde uns vom im Süden der Stadt gelegen Flughafen zur U-Bahn-Station Академика Барабашова im Osten bringen. Schnell war das Ticket für umgerechnet 12 Cent beim Fahrer gelöst und die Fahrt begann. Deutschen TÜV hätte das Gefährt nicht bekommen, aber der Fahrer verstand die mangelnde Bremskraft durch vorausschauendes Fahren auszugleichen. Die Busroute erwies sich gleich in zweifacher Hinsicht als gute Wahl, führte sie doch entlang der großen Industriezonen der Stadt und endete mitten im Barabashova Markt (Барабашово), einem 75 Hektar großen Straßenmarkt. Hier werden Textilien, Schuhe, Haushaltswaren, Elektrogeräte und vieles andere mehr gehandelt.

Nach einem kurzen Bummel durch den Markt betraten wir die U-Bahn Station. Die 1975 in Betrieb genommene Charkiwer Metro war erst die sechste auf dem Gebiet der ehemaligen UdSSR gebaute U-Bahn. Sie besteht aus drei Linien, die 29 Stationen bedienen. Pro Jahr werden mehr als 240 Millionen Passagiere gezählt. Ähnlich wie in Moskau sind alle Metrostationen aufwendig gestaltet, sie greifen architektonische Motive der jeweiligen Plätze oder naheliegender öffentlicher Gebäude auf. Derzeit kostet eine Fahrt 5 Hrywnja (ca. 0,15 €). Ausführliche Informationen zur Charkiwer U-Bahn finden sich unter http://eng.asmetro.ru/metro/metro/Kharkov/Kharkov_full/.

Unsere erste Station in der Stadtmitte war der Freiheitsplatz (Майдан Свободи). Der in den 1920er Jahren gestaltete Platz ist etwa 750 m lang, bis zu 125 m breit und hat eine Fläche von etwa 11,5 ha. Er zählt somit zu den größten Stadtplätzen Europas. Im Nordwesten ist der Platz kreisförmig mit einem Park in der Mitte gestaltet, während er an der südöstlichen Seite eine rechtwinklige, unbebaute Fläche hat. Am Übergang vom runden zum rechtwinkligen Teil des Platzes befand ein 1963 eingeweihtes, 20 m hohes Lenindenkmal. Es wurde im September 2014 von pro-ukrainischen Demonstranten gestürzt, aktuell werden die Reste des Sockels beseitigt. Am Platz befindet sich unter anderem das Hauptgebäude der Wassyl-Karasin-Universität Charkiw und das Derschprom-Gebäude (Держпром), ein 1928 vollendeter, erster sowjetischer 13-stöckiger “Wolkenkratzer” im Stil des Konstruktivismus. Weitere Gebäude auf dem Platz wurden im Stil des Sozialistischen Klassizismus erbaut.

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Beim nachfolgenden Spaziergang durch die Stadt folgte ich der Sumska Straße und ihren Nebenstraßen nach Süden. Entlang dieser historischen Hauptstraße liegen zahlreiche öffentliche Einrichtungen und Sehenswürdigkeiten der Stadt. Optisches Highlight ist zweifellos die Kirche der Heiligen Myrrhe-Trägerinnen. Trotz ihres traditionellen Baustils mit neun Kuppeln, handelt es sich um einen erst 2015 geweihten Neubau der Ukrainisch-Orthodoxen Kirche (Kiewer Patriarchat). Am gleichen Ort stand eine alte Kirche gleichen Namens aus dem siebzehnten Jahrhundert, die in den 1930er Jahren von den stalinistischen Machthabern zerstört worden war. Im Park vor der Kirche steht der nachts bunt beleuchtete Spiegelbrunnen (Дзеркальний струмінь), das bekannteste Symbol der Stadt.

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Mehr Authentizität besitzt die nahe des Verfassungsplatzes gelegene Uspenskij- bzw. Mariä Himmelfahrt-Kathedrale. Die Kirche wurde um 1770 erbaut. Zu Ehren des Sieges über Napoleon wurde in den 1820er Jahren der knapp 90 m hohe Glockenturm hinzu gefügt. Während der sozialistischen Zeit wurde die Kirche dank ihrer Orgel als Konzertsaal genutzt. Seit 2006 ist sie wieder im Besitz der Ukrainisch-Orthodoxen Kirche.

Im Rahmen meiner Dissertation habe ich mich ausführlich mit dem “sozialistischen Städtebau” in Ostdeutschland, Osteuropa und der Sowjetunion mit ihren Nachfolgestaaten beschäftigt. Schon beim Landeanflug auf Charkiw waren zahlreiche Charakteristika der “sozialistischen Stadt” und ihrer post-sozialistischen Transformation zu erkennen. Das 1954 erbaute “Haus mit dem Helmdach” (Будинок зі шпилем) wurde von Nikita Chruschtschow persönlich als Sinnbild des modernen Charkows bezeichnet und ist ein wunderbares Beispiel für den “Zuckerbäckerstil” der Nachkriegsjahre. Im Kontrast dazu die Betonarchitektur des Ende der 1980er errichteten Neubaus des Opernhauses.

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Das Spiel

Am frühen Abend machte ich mich zu Fuß auf ins südöstlich des Stadtzentrums, inmitten eines Wohngebiets gelegene Metalist-Stadion. Urspünglich trug die 1926 eröffnete Arena den Namen Traktor-Stadion. Für die Fußball-Europameisterschaft 2012 in Polen und der Ukraine wurde die Spielstätte zwischen 2008 und 2009 umfassend renoviert und erhielt eine Kapazität von 41.307 Sitzplätzen. Die Südtribüne wurde fertiggestellt und eine neue Osttribüne errichtet. Die Arena bekam ein neues Dach, das von einer Stahlgerüstkonstruktion getragen wird und alle Ränge überdeckt.

Schachtjor Donezk beschloss nach der Winterpause der Saison 2016/17 seine Heimspiele im Metalist-Stadion zu veranstalten. Der wegen des Krieges in der Ostukraine aus Donezk ausgewichene Club erhoffte sich in Charkiw mehr Zuspruch von den Fans, als im westukrainischen Lwiw, wo der Verein in den zweieinhalb Jahren davor spielte. Diese Hoffnung hat sich jedoch nur teilweise erfüllt, bei den Ligaspielen verlieren sich regelmäßig nur wenige hundert Zuschauer auf den Tribünen. Anders jedoch an diesem lauen Sommerabend, wo über 28.000 Fußballfreunde das Stadion zu mehr als zwei Dritteln füllten. Uns etwa 150 Hoffenheim-Anhängern stand in etwa die gleiche Anzahl an Polizisten und Ordnungskräften gegenüber: gleich vier mal mussten wir unsere Habseligkeiten vorzeigen, bevor wir ins Stadioninnere gelangen konnten. Bemerkenswert auch das Catering: anstelle des sonst üblichen Fastfoods gab es einen Stand mit leckeren Fleischspießen und Kartoffelecken.

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Das Spiel selbst war äußerst unterhaltsam, unsere Mannschaft lag zwei mal in Führung, musste aber kurz vor Schluss den (verdienten) 2:2 Ausgleich hinnehmen. Eine ausführliche Spielanalyse gibt es beim Kicker [http://www.kicker.de/news/fussball/chleague/spielrunde/champions-league/2018-19/1/4546689/spielanalyse_schachtjor-donezk_1899-hoffenheim-3209.html] oder auf unserer Fanclubseite [http://akademikerfanclub.de/schachtjor-donezk-vs-1899-hoffenheim/]. Kurz nach Spielende erreichten mich dann etliche Kurznachrichten auf diversen Kanälen. Sowohl in der Champions League Übertragung bei Sky als auch auf dem Streamingportal DAZN waren wir beim Fachsimpeln ins Bild geraten und in die heimischen Wohnstuben gesendet worden.

Zu Dritt machten wir uns dann durchs nächtliche Charkiw zu Fuß zurück auf den Weg in die Innenstadt. Eine Gruppe von Halbstarken musterte uns kurz, aber offensichtlich waren wir es nicht wert, verprügelt zu werden. Viel erfreulicher verlief wenige Minuten später die Begegnung mit einem Vater und seinem Sohn, die uns um ein gemeinsames Foto baten. In einem Kauderwelsch aus Englisch und Russisch versicherten wir uns, ein sehr gutes Spiel zweier sehr respektabler Mannschaften gesehen zu haben. Ich bin sicher, dass uns der Bub in guter Erinnerung behalten wird.

Tag 2

Am nächsten Morgen war der zweite Teil meiner Stadtbesichtigung u.a. durch zwei weitere Kirchen geprägt. Die neo-byzantinische Verkündigungs-Kathedrale war bei ihrer Weihe 1901 eine der größten Kirchenbauten des Russischen Reiches. Fünf Kuppeln und ein 80 Meter hoher Glockenturm überspannen einen goldgeschmückten Kirchenraum mit mehreren Altären und zahllosen Ikonen. Ab 1930 war die Kirche durch die kommunistischen Machthaber für Gläubige gesperrt, unterbrochen nur durch die deutsche Besatzungszeit 1943. Zwischenzeitlich wurde das Gebäude auch als Schule und Warenlager zweckentfremdet. Seit 1946 ist die Kirche Zentrum der Eparchie (Bistum) Charkiw der Ukrainisch-Orthodoxen Kirche (Moskauer Patriarchat).

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Sehr viel älter ist die Pokrovsky-Kathedrale im Kloster Mariä Schutz und Fürbitte [Покровський монастир] am gegenüberliegenden Hochufer des Lopan. Die bis 1689 im barocken Baustil erbaute Kirche ist das älteste erhaltene Gebäude der Stadt. Die Klostermauern waren im 17. Jahrhundert Teil der Stadtbefestigung, so dass sich bis heute ein abgeschirmter Charakter der Anlage erhalten hat. Das innere der Kirche ist reich geschmückt, und alle Wände sind mit eindrucksvollen Fresken bemalt.

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Das große Tor der Klosteranlage öffnet sich direkt auf den Verfassungsplatz [Майдан Конституції], dessen Randbebauung Baustile aus den letzten drei Jahrhunderten vereint. Bemerkenswert sind neben dem Glaskubus des Historischen Museums, das erst 2012 errichtete Freiheitsdenkmal und das überdimensionale Thermometer an der Fassade des Meteorologischen Instituts.

Unvergessliche, wenn auch nicht im Foto festgehaltene Eindrücke, hinterließ auch die große Halle des Zentralmarktes [Tsentralnyi Rynok / Центральний Ринок]. In diesem Hallenkomplex werden die vielfältigen landwirtschaftlichen Erzeugnisse des Landes gehandelt. Während in der Haupthalle vorwiegende Obst, Gemüse, Backwaren und Gewürze feilgeboten werden, zweigen rechts und links kleinere Nebenhallen ab, in denen tierische Produkte verkauft werden. So gibt es jeweils eigene Trakte für Geflügel, Rind, Schwein, Ziege und Schaf, Fisch sowie Molkereiprodukte. Die Stände und Verkaufstheken sind gekachelt, die Waren liegen offen zur Begutachtung aus.

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Meine letzte Station sollte der Maxim-Ghorky Park sein. Neben verschiedenen Sportstätten und einem kleinen Vergnügungspark gibt es hier eine Standseilbahn, die in den Norden der Stadt führt. Leider war die Bahn ausgerechnet an diesem Tag für Revisionsarbeiten geschlossen, und so blieb mir die Vogelperspektive verwehrt. Da der Park am dem Flughafen entgegengesetzten Ende der Stadt liegt, bestellte ich ein Uber-Taxi. Der Fahrer verstand kein Englisch und schien auch sonst nicht so genau zu wissen, wie er im einsetzenden Feierabendverkehr am schnellsten zum Flughafen fahren sollte. Gemeinsam gelang es uns jedoch, das Navigationssystem zu bedienen und das Abflugterminal rechtzeitig zu erreichen.

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Schnell noch ein letztes Foto vom historischen Flughafengebäude und los ging die Rückreise über Kiew mit einem schönen Blick auf den Dnepr im Sonnenuntergang. Eindrucksvoll auch die Straßen und Plätze von Kiew sowie das hell erleuchtete Olympiastadion, wo an diesem Abend Dynamo Kiew gegen den FC Astana in der Europaleague antrat. In einer wolkenfreien Nacht führte die Flugroute etwas weiter nördlich als beim Hinflug über das südliche Polen, Sachsen und Thüringen. Neben anderen Städten war das nächtliche Dresden deutlich zu erkennen.

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Es waren zwei sehr intensive Tage mit einer Fülle von Eindrücken. Die kurze Begegnung mit der Ukraine hat in mir den Wunsch geweckt, das Land und seine Menschen noch besser kennen zu lernen. Ich freue mich auf das Rückspiel.

Дякую Харків! Спасибо Харьков! 

Lesestoff

Kurzbeschreibung

Datenaufbereitung und –analyse für ein Benchmarking der Lebensqualität in europäischen Städten im Auftrag des manager magazin (Heft 12/2005).

 

Weitere Informationen

Weitere Informationen und Downloads unter www.manager-magazin.de/unternehmen/karriere/a-385359.html .

GANS, Paul / OTT, Thomas (2003): Binnenwanderung in den Ländern der Europäischen Union. Geographische Rundschau 55 (6), 20-26

Kurzfassung

Binnenwanderungen innerhalb der EU-Staaten tragen etwa seit den 1960/70er Jahren maßgeblich zu Änderungen in der Bevölkerungsverteilung zugunsten neuer Wachstumsräume sowie zu Dekonzentrationsprozessen bei. Hinter diesem Trend steht ein tiefgreifender sozio-ökonomischer Wandel, der von einer Deindustrialisierung, aber auch von neuen industriellen Clustern der Hightech-Branche, von einer fortschreitenden Tertiärisierung, vom technologischen Fortschritt, von staatlichen Maßnahmen zur Regionalentwicklung sowie von den Wohnpräferenzen der Bevölkerung beeinflusst ist.

Volltext

OTT, Thomas (2003): Das Europa der Regionen. Deuframat – Deutschland und Frankreich auf dem Weg in ein neues Europa – Materialien für den Geschichts- und Geographieunterricht, Braunschweig/Marburg: Georg-Eckert-Institut für internationale Schulbuchforschung

Volltext

http://www.deuframat.de/europaeisierung/europa-der-regionen/europa-der-regionen-aus-geographischer-sicht.html

OTT, Thomas (2003): L’Europe des régions. Deuframat – L’Allemagne et la France vers une nouvelle Europe – Materiéls pour l’enseignement de l’histoire et de la géographie, Braunschweig/Marburg: Institut Georg Eckert, Centre international de recherches sur les manuels scolaires

Volltext

http://www.deuframat.de/fr/europeisation/leurope-des-regions/leurope-des-regions-du-point-de-vue-geographique.html