Crosby, Stills and Nash (Mannheim 2013)

Musik  /   /  By Thomas

Es muß etwa 10 Jahre her sein, als ich am Rande einer wissenschaftlichen Konferenz in San Francisco eine kleine Auszeit nahm, der akademischen Selbstbeweihräucherung entfloh, ein Convertible mietete und für einen Tagesausflug in den Yosemite-Nationalpark fuhr. Am Abend kehrte ich mit einem Kopf voller Ansel Adams Motive in die Stadt zurück und durchfuhr das Vorstadtmeer der East Bay: Castro Valley, San Leandro, Alameda, Oakland. Mit den letzten Sonnenstrahlen fuhr ich auf das obere Deck der Bay Bridge und fand im Radio einen Sender, der ein langes Interview mit David Crosby ausstrahlte. Er erzählte aus seinem Leben, über seine Musik und seine politischen Interventionen. Untermalt wurde das Gespräch mit den klassischen Hits von Crosby, Stills, Nash (und Young) wobei Crosby immer wieder auf die Songs zu sprechen kam und ihre Entstehung bzw. Inhalte erläuterte.

Es erschien mir unmöglich, jetzt zum Hotel zu fahren, das Auto abzustellen und nicht bis zum Ende zuzuhören. Gebannt von den Texten und Songs cruiste ich ziellos durch die Nacht, bis ich den Parkplatz auf den Twin Peaks erreicht hatte. Hoch über der Stadt, Haight-Ashbury zu meinen Füßen empfand ich ein emotionales Hoch, die vollständige Einheit von Ort, Musik und Gedanken. Der genius loci sprach zu mir und ich war glücklich. — Als sich die Sendung dem Ende näherte mischte sich das Hochgefühl jäh mit einer anderen Emotion: Anachronismus. Es erschien mir wie eine Strafe des Schicksals 15 Jahre „zu spät“ geboren zu sein, um das soeben gehörte selbst erlebt zu haben.

 

An das Erlebnis in San Francisco musste ich seither immer wieder denken, wenn ich die alten CSN(Y) Platten auflegte oder einen Song im Radio hörte. Und so war ich begeistert, als ich Anfang des Jahres die erste Werbung für eine geplante CSN-Europa-Tour sah. Nach Monaten des Wartens war es jetzt endlich soweit, Crosby, Stills und Nash leibhaftig in Mannheim:

Die oberen Ränge der SAP Arena sind mit schweren schwarzen Stoffen verhängt, was dem Raum eine neue Tiefe verleiht. Zusammen mit der sparsamen Lichtshow entsteht ein fast sakraler, kathedralenhafter Effekt. Die Bühne ist mit den bekannten Teppichen ausgelegt, Stills, Nash und Crosby in der ersten Reihe, dahinter zwei Keyboarder, Drummer, Bassist und ein weiterer Gitarist. Einziges Extra auf der Bühne ist ein großer, auf Crosby gerichteter Ventilator, der seine weiße Mähne in den passenden Momenten in Szene setzt. Das Konzert beginnt mit drei Klassikern, „Carry On„, „Marrakesh Express“ und „Long Time Gone„. Schon nach dem ersten Stück ist klar, dass ein außergewöhnlicher Abend zu erwarten ist. Die mehrstimmigen Gesänge kommen von Anfang an fehlerfrei und fast spirituell, auch die immer wieder wechselnden Gitarren harmonieren perfekt. Routiniert lassen die drei Frontleute das Publikum an ihren kleinen Frotzeleien teilhaben, mit denen sie die Atempausen zwischen den Stücken überbrücken. Insbesondere Stills verausgabt sich mit fortschreitender Dauer des Konzerts bei seinen furiosen Gitarrensoli. Mit „Just A Song Before I Go“ und „Southern Cross“ aus der mittleren Periode des gemeinsamen Schaffens leitet die Band über in ein Set mit neueren („Lay Me Down“) und neuesten Songs („Time I Have“ und „Exit Zero“), deren Inhalte und Themen Nash erläutert. „Our House“, „Bluebird“, „Déja Vue“ und „Teach Your Children“ setzten wiederum einen klassischen Kontrapunkt vor der Pause.

Wäre das Konzert nach diesem Set zu Ende gewesen, wäre ich zufrieden nach Hause gegangen. Was dann nach der Pause kommt, sprengt jedoch den Rahmen meiner Erwartungen. Offensichtlich hatten die Tontechniker die Pause genutzt, die Anlage noch besser auszusteuern und der Akustik der SAP Arena anzupassen. Nach dem Klassiker „Helplessly Hoping“ folgen Soli von Nash („In Your Name“) und Stills („Treetop Flyer„), danach ein eher ruhiger Part mit „Guinnevere“, „Triad“ und dem neuen Stück „Burning For The Buddha“. „Cathedral“ und „Love the One You’re With“ schließen sich an. Die zeitlose Hippie-Hymne „Almost Cut My Hair“ bringt die Halle endgültig zum Kochen. Mit einer kaum enden wollenden Fassung von „Wooden Ships„, in der alle Musiker noch einmal ihr Können präsentieren dürfen, ist der Höhepunkt des Abends erreicht. „You want more?“ ruft Nash mit gespieltem Erstaunen ins Publikum. Und mit „Suite: Judy Blue Eyes“ findet das Konzert nach drei Stunden einen passenden Abschluss.

 

Erfüllt und glücklich verließ ich die SAP Arena. Im Licht der letzten Sonnenstrahlen fuhr ich auf den Rhein-Neckar-Schnellweg und weiter Richtung Bergstraße: Feudenheim, Wallstadt, Vogelstang, Viernheim. Immer noch im Bann der Musik cruiste ich durch die Dunkelheit. Die Geister jener magischen Nacht in San Francisco hatten noch einmal zu mir gesprochen. Alles hatte seine Zeit, alles war gut.

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